Walter Kühne

und die Abenteuer des Malers Pe

Walter Kühne - Wahrhaftige Abenteuer des Malers Pĕ - Edition zum Download

Eines der letzten Projekte des Malers und Grafikers Dr. Walter Kühne war die Ende 1955 niedergeschriebene satirische Versdichtung über den Maler Pe. Sie ist „den Malern in der DDR“ gewidmet. Hier wird erstmals eine Transkription des bislang unveröffentlichten Manuskripts präsentiert.

Die vorgesehenen 40 Illustrationen konnte Kühne nicht mehr vollenden, obwohl er bis wenige Monate vor seinem Tod am 9. September 1956 daran arbeitete. Einen Eindruck vom geplanten Erscheinungsbild vermitteln überlieferte Skizzen sowie thematisch verwandte Druckgrafiken aus seinen älteren Bild-Text-Serien. Auch sie werden erstmals präsentiert.

Kühne war ein humanistisch gebildeter, belesener Künstler. Er bezieht sich auf zahlreiche Autoren, Werke und Themen der Geistes-, Literatur- und Kunstgeschichte von der Antike bis zur Moderne, deren Kenntnis heute (vielleicht auch damals) nicht allgemein vorausgesetzt werden kann. Die Transkription bietet Erläuterungen und weiterführende Links.

Dieser Beitrag gibt einen Überblick über das Werk und beleuchtet Aspekte, die für Kühnes Situation als Künstler in der DDR aufschlussreich sind.

Handlung und sprachliche Form

Der Maler Pe (kurz ausgesprochen wie in „Pe, ihr könnt mich mal“) malt unbeirrt abstrakt. Konfrontiert mit Formalismus-Vorwürfen und der Forderung, im Stil des sozialistischen Realismus zu arbeiten, geht er mit einem Segelboot auf Weltreise. Er sucht überall vergeblich Anerkennung für seine Bilder, erhält Rat von einem chinesischen Maler der Vergangenheit, kehrt zurück, bricht wieder auf – und endet als Haremsmaler an einem indischen Fürstenhof.

Pe erzählt seine Abenteuer in der Ich-Form. Nur am Anfang und Ende wird in der dritten Person über ihn berichtet. Die schlichten Paarreime weisen oft parodistische Reimpaare wie „Kunstprofesser“ und „Menschenfresser“ auf. Versmaß und Strophenlänge variieren. Teils erinnert der Sprachwitz an Wilhelm Busch, Christian Morgenstern oder Joachim Ringelnatz.

Walter Kühnes zweites Ich

Die im Manuskript durchgestrichene erste Version der Überschrift lautete: „Wahrhaftige Abenteuer des Malers Kuno“. Nachträglich hat Kühne (alias „Kuno“) sie geändert in „Wahrhaftige Abenteuer des Malers Pe“. Die Figur ist also sein Alter Ego, sein zweites Ich. Er hatte sie schon Jahre zuvor entwickelt, um über die Stellung des Künstlers in der Gesellschaft zu reflektieren.

Walter Kühne, Wahrhaftige Abenteuer des Malers Pĕ, Manuskriptseite mit Titelei und Vorspiel, 1955

Bereits 1919 und um 1925 verfasste Kühne in Prosa zwei Parabeln über Maler Pe. Nach der Kriegszerstörung seiner Werke rekonstruierte er sie 1951. Es geht darin um den Gegensatz von echter, freier Kunst und Arbeiten für den Markt. 1952 entstand eine neue Parabel: „Sinn und Zweck der Kunst“. Pe lehnt darin jeden sozialen und moralischen Zweck von Kunst ab.

Kühnes erneute Beschäftigung mit der Figur des Malers Pe in den 1950er Jahren steht im Kontext staatlicher Kampagnen zur Durchsetzung des sozialistischen Realismus in der DDR, die um 1953 einen Höhepunkt erreichten. Angesichts dieser Herausforderungen verlieh Kühne seinem marktkritischen zweiten Ich ein weiteres, kunstpolitisches Profil.

Zielgruppe, Zweck und Genre

Im Untertitel werden als Zielgruppe Kinder und „die reifere Jugend“ (spaßhaft für: Menschen mittleren Alters) genannt. Ein Kinderbuch ist das voraussetzungsreiche, oft ironische Werk sicher nicht. Doch zeigen die Illustrationsentwürfe, dass die Bebilderung sicher auch unabhängig vom Text Interesse geweckt und Vergnügen bereitet hätte.

Walter Kühne, o.T. (Pe malt Wolkenkratzer), 17.4.1956,
Bleistift, Kugelschreiber und Aquarell auf Papier,
17,9 x 23,9 cm (Privatbesitz)

Der im Untertitel genannte Zweck „Zur Lust und Stärkung ihrer Tugend“ formuliert neben dem Wunsch zu unterhalten auch einen pädagogisch-moralischen Anspruch. Dieses doppelte Ziel kommt in der an die Maler in der DDR gerichteten Widmung mit den Versen „Viel Ulk viel Spass ein wenig Ernst / Vielleicht dass Du auch etwas lernst“ zum Ausdruck.

In der Widmung heißt es aber auch, fast alles sei gelogen. Programmatisch wird das Werk ein „Märchen aus der ‚Neuen Zeit‘“ genannt, ein Zitat des Untertitels von E.T.A. Hoffmanns Der goldne Topf. Märchen aus der neuen Zeit (1814). Es wird also auf die Genres des Kunstmärchens und des Lügenmärchens à la Baron Münchhausen Bezug genommen.

Die Titelformulierung „Wahrhaftige Abenteuer“ rekurriert auf Abenteuerromane wie Daniel Defoes Robinson Crusoe (1719) und satirische Reiseberichte wie Lukians Wahre Geschichten (2. Jahrhundert). Mehrfach beruft sich Maler Pe im weiteren Verlauf auf diese und ähnliche Werke, etwa Jonathan Swifts Gullivers Reisen (1726).

Odysseus und die Sirenen

Walter Kühne, Sirenen, 13.09.1955,
Bleistift und Aquarell auf Papier,
23,9 x 17,9 cm (Privatbesitz)

Auf seinem Weg trifft Pe Autoren und literarische Figuren sogar in Person. Doch meist wird er enttäuscht: Fast alle lehnen seine Kunst ab. Der antike Dichter Homer, Autor der Odyssee, begrüßt ihn hingegen als seinen „lieben zweiten Odysseus“. Er meint in Pe eine Gesinnung zu erkennen, die Hindernisse mit List und Verstellung meistert – Voraussetzung für eine künstlerische Tarnungsstrategie, zu welcher der chinesische Maler Wu Daozi ihm raten wird.

Die Sirenen, weibliche Meerungeheuer, die schon Odysseus durch ihren Gesang ins Verderben ziehen wollten, locken Pe jedoch mit Geld und geheuchelter Begeisterung für seine Kunst. Sie sind Symbol für die Korrumpierung durch leichten Verdienst, anspruchslose Pinselei und Hofkünstlertum. Dieser Versuchung wird Pe ganz am Ende erliegen.

Kein Frieden mit Picasso

Auch bildenden Künstlern begegnet Pe auf seiner Reise. Als Erstes trifft er Pablo Picasso in Paris. Die 1949 realistisch gestaltete Friedenstaube des dem Kommunismus nahestehenden Malers und ihre späteren Varianten waren in der DDR sehr beliebt. In Jamlitz malte Kühnes Enkel Kaspar Seiffert sie auf Spanplatten zur Verdunklung der als Kino genutzten Gaststätte. Während Picassos avantgardistische Werke den Vertretern des sozialistischen Realismus missfielen, begeisterte sich Kühnes Enkel z.B. auch für das Porträt Jacqueline mit Blumen (1954) und schuf mit Bruder Christian eine Replik davon fürs heimische Wohnzimmer.

Maler Pe, Kühnes zweites Ich, rechnet entsprechend mit dem Wohlwollen des von ihm verehrten Künstlers, doch Picasso lacht nur über ihn. Dasselbe widerfährt Pe mit historischen Kunstheroen: Rembrandt, Goya, Wilhelm Busch und Honoré Daumier lachen ihn aus.

Problem Kolonialismus

Maler Pe flieht aus der DDR-Gegenwart nicht nur in die Literatur- und Kunstgeschichte und den Mythos, sondern auch in aus europäischer Sicht ferne Länder. Seine Situation wird gespiegelt im Gegenüber von „Wilden“, „Häuptlingen“, „Mohren“, „Menschenfressern“ und „Kannibalen“ – heute als potenziell verunglimpfend und rassistisch gelesene Bezeichnungen.

Dabei ist eine antikoloniale Haltung durchaus sichtbar, etwa in der Kritik am Vorgehen der britischen Kolonialpolizei auf Zypern. In Bezug auf Südsee-Orte fehlt solche Eindeutigkeit, aber es ist das Bemühen spürbar, als befremdlich wahrgenommene Erscheinungen wie Anthrophagie in ihrem kulturellen Kontext darzustellen.

Wenn scheinbar bedenkenlos rassistische und klischeehafte Bilder – auch positive wie das vom Edlen Wilden – benutzt werden, geht es nicht um die damit Bezeichneten, sondern um den sich darin spiegelnden Europäer. Auch dies Verfahren gilt heute als kolonialistisch, doch ist Kühne womöglich die Absicht zuzutrauen, es durch Übertreibung ad absurdum zu führen.

Krake und Menschenfresser

Häufig wird geschildert, wie Maler Pe samt Schiff und Bildern in die Fänge oder den Schlund von Seeungeheuern, Raubtieren und Menschenfressern gerät oder zu geraten droht. Dies ist zunächst dem Genre des Reise- und Abenteuerromans geschuldet.

Oft erweist sich dabei seine Kunst als lebensrettende Waffe, so vergeht einem Kannibalen der Appetit, als er Pes jüngstes Werk sieht. Umgekehrt haben Pes Bilder plötzlich Erfolg auf dem westlichen Kunstmarkt, nachdem der Krake sie beschädigt wieder ausgespuckt hat. Solche ironischen Motive unterstreichen Pes künstlerische Isolation und seine trotzige Tapferkeit, bei der Abstraktion zu bleiben. Sie diskreditieren in ihrer Häufung aber auch diese Art von Kunst.

li: Walter Kühne, Der Menschenfresser, 22.04.1954, Tusche, Bleistift und Aquarell auf Papier, 17,9 x 23,8 cm; re: Walter Kühne, Der Krake, 20.1.1956, Kugelschreiber und Aquarell auf Papier, Maße unbekannt

Walter Kühne - Wahrhaftige Abenteuer des Malers Pĕ - Edition zum Download

Über das genretypische Maß hinausgehend wirkt Kühnes Faszination für den Kannibalismus. Er unterscheidet zwischen rituell-kultischer Anthrophagie und Mordlust, wie sie in einem Albtraum Pes zum Tragen kommt: Ein Deutscher wird quasi in einem Akt kultureller Aneignung Menschenfresser in der Südsee und verschlingt Pe, nur dessen Hände bleiben übrig und fangen an zu malen, was den Übeltäter in die Flucht schlägt.

In einer anderen, aus postkolonialer Sicht sicher fragwürdigen Episode ist der Weg umgekehrt: „Der letzte Kannibale“ lässt sich für Hagenbecks sogenannte Völkerschauen in Europa engagieren und will dort Kunstkritiker werden. Er nennt diese Tätigkeit „Menschen fressen als allerfeinsten Hochgenuss“.  Die Bedeutung des Kannibalismus-Motivs für Maler Pe (= Walter Kühne) tritt hier offen zutage. Es steht für die Bedrohung seiner künstlerischen und materiellen Existenz durch angemaßte äußere Kritik.

Wolkenkratzer-Kapitalismus

Das wirtschaftliche Auskommen ist dem Maler Pe wichtig (erkennbar schon an der Häufigkeit des Reimpaars „malen“ und „bezahlen“), doch Erfolg auf dem westlichen Kunstmarkt ist offenbar nicht die erstrebte Lösung. Er wurde bereits im Bild des Kraken verächtlich gemacht.

Für die Sphäre des maß- und schrankenlosen westlichen Kapitalismus stehen vor allem die amerikanischen Wolkenkratzer. Dieses Thema scheint Kühne sowohl abgestoßen als auch fasziniert zu haben, er setzte es seit den 1920er Jahren mehrmals um. Darunter sind Darstellungen bewegter oder zusammensinkender Wolkenkratzer wie die 1930 in der Zeitschrift „Der Querschnitt“ publizierten Tanzenden Hochhäuser. Maler Pe setzt sich so schnell wie möglich aus Amerika wieder ab: „Diese Gegend ist mir schnuppe.“

„Male mutig aber weise“

Maler Pes zentrale Begegnung ist diejenige mit Wu Daozi (bei Kühne „Wu Tao Tse“), einem als Vater der chinesischen Malerei geltenden Meister des 8. Jahrhunderts. Er führt Pe einst verkannte, ökonomisch scheiternde „Rebellen“ der Kunstgeschichte wie z.B. Rembrandt vor Augen. Pe solle lieber einen Mittelweg wählen. „Male mutig aber weise“ ist das Motto.

Pe solle seiner Leidenschaft und eigenen Art folgen, aber die Sprache der „Gönner“ sprechen, stets realistisch malen und sich Themenvorgaben klaglos fügen. Der Raum für Eigenes liege in dem, was „Wissende“ bemerkten, dem Pinselstrich, der Schönheit und der Liebe, mit der jedes Thema gestaltet werden könne und müsse. Gegenstandlose Malerei solle „private Spielerei“ bleiben: „Dann bekommst du gut zu essen / Und wirst selbst nicht aufgefressen.“

Zurück in der Heimat versucht Pe diesem zwiespältigen Rat zu folgen. Er malt: „Korrekt real das Thema richtig / Dezent banal brav blass und züchtig / So wie es jenen Herrn gefällt.“ Das hält er nicht lang aus und bricht wieder auf. Doch er verfehlt Wus Mahnung, stets „Kunst“ hervorzubringen und sich nicht mit „bequemer Pinselei“ zufriedenzugeben. Drastisches Bild dafür ist sein Ende als kastrierter Haremsmaler, der seinen Niedergang selbst nicht bemerkt.

Was zu lernen wäre

Was hätte ein Maler in der DDR nun aus Maler Pes Abenteuern „lernen“ können, wie es der Autor in der Widmung hoffte? Angesichts der vielen Wendungen und Ambivalenzen der Geschichte ist es nicht leicht, sich darauf einen Reim zu machen.

Maler Pes langes Beharren auf seinem individualistischen Kunstverständnis wirkt sympathisch, zumindest respektabel. Andererseits suggeriert die geradezu allumfassende Ablehnung seiner abstrakten Kunst, dass er auf dem Holzweg sei. Sein Scheitern wird ihm persönlich, nicht den Rahmenbedingungen zugeschrieben. Dies könnte man allenfalls dialektisch auch als Aufforderung zur Selbstermächtigung interpretieren.

Meister Wus Rat, zwischen Auftragskunst und künstlerischem Privatvergnügen zu trennen, ist die Strategie, mit der Walter Kühne durch die ökonomisch schwierigen 1920er Jahre und die existenziellen Gefährdungen der NS-Zeit navigierte. Unter den Bedingungen des realen Sozialismus wurde sie erneut sein Weg. Andere Maler in der DDR, die die Abstraktion im Kontext der jüngsten deutschen Vergangenheit als notwendigen Schritt ansahen, lehnten solchen Spagat ab. Manche wählten einen kunstfernen Brotberuf und arbeiteten als Maler für die Schublade (Beispiel: Hans Winkler). Der Preis: Isolierung, wie im Maler Pe beschrieben.

Dass Walter Kühne aber solche Fragen thematisierte und – wenn auch vielfach literarisch umkleidet und ironisch gebrochen – in einem Werk zur Publikation vorbereitete, zeigt, dass er selbst nicht bereit war, sich mit diesem Konflikt wortlos abzufinden.

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