Bianca Commichau-Lippisch

1890–1968


BIOGRAFIE


Nach der Ausbildung bei ihrem Vater Franz Lippisch in Charlottenburg und dem Studium an der Kunstgewerbeschule und der Kunsthochschule in Weimar tätig als Zeichenlehrerin an der Freien Schulgemeinde Wickersdorf, dann als Porträt- und Landschaftsmalerin in Straupitz/Spreewald und Jamlitz/Niederlausitz. Bekannt sind ihre Darstellungen der wendischen Tracht aus den 1920er und 1930er Jahren.

Bianca Commichau-Lippisch: Selbstbildnis,
nach 1945,
Öl auf Leinwand,
27 x 23 cm
(Privatbesitz)

Bianca Commichau-Lippisch an der Staffelei im Atelier in Jamlitz, ca. 1950
(Privatarchiv, Foto: Kaspar Seiffert)

Kindheit und Jugend

Geboren am 18. August 1890 in Rom als Tochter des Malers Franz Lippisch und seiner Frau Clara geb. Commichau, wächst Bianca Lippisch mit den jüngeren Brüdern Anselm und Alexander ab 1892 in München, ab 1895 in Charlottenburg auf.

Prägend ist die Kindheit am „Kunststandort“ Charlottenburg in der Kantstraße 9 neben dem Theater des Westens und dem 1899 eingeweihten Gebäude der Berliner Secession. Ihr Patenonkel ist der Bildhauer Wilhelm Neumann-Torborg, zu den Freunden der Eltern gehören Max und Käthe Kruse. Gegenüber in der Kantstraße 162 wohnt bis 1902 das Malerehepaar Reinhold und Sabine Lepsius, in deren Salon Bianca Lippisch Lesungen von Stefan George hört. Auftritte der Ballets Russes und von Josef Kainz und Alexander Moissi wecken ihr lebenslanges Interesse für Tanz und Theater.

Bianca Lippisch (Mitte, sitzend)
in der Malschule ihres Vaters Franz Lippisch (links) in Charlottenburg,
ca. 1906. Neben Bianca Lippisch auf dem Boden sitzend ihre Freundin Evangeline Lepsius (1889–1974)
Foto: Privatarchiv

Ausbildung und Studium

Ab 1906 besucht Bianca Lippisch die Malschule ihres Vaters. Neben Jamlitz-Aufenthalten nimmt sie 1907–1911 an Studienreisen nach Österreich und Italien teil (Neidegg und Gufidaun im heutigen Südtirol, Gardasee, Verona, Florenz, Rom, Venedig).

Zwischen 1909 und 1912 erhält sie Porträtaufträge der Commichau’schen Verwandten in Jena und Bialystok und beginnt mit ihrer Mutter für die Commichau’sche Tuchfabrik Muster zu entwerfen. Nach dem Umzug der Lippischs nach Weimar studiert sie 1913–15 an der Großherzoglichen Kunstgewerbeschule unter Henry van de Velde (auch Mutter Clara und Bruder Alexander sind eingeschrieben) sowie parallel 1912–16 an der Großherzoglich Sächsischen Hochschule für bildende Kunst bei Richard Engelmann. Aus beiden Institutionen geht 1919 das Bauhaus hervor. Im Selbststudium erlernt sie die Pastelltechnik (auch aus praktischen Gründen: das Material ist leicht transportabel), 1915 wird sie für eine Bildhauerarbeit ausgezeichnet. Ihr Verlobter Hans Nelson, ein Kommilitone, fällt am 2. Dezember 1914 als Soldat. Ihre Kommilitonin Johanna Brinkhaus wird Freundin der Lippischs und plant mit ihnen die Ansiedlung in Jamlitz.


Tätig als Zeichenlehrerin an der Freien Schulgemeinde Wickersdorf und  als Porträt- und Landschaftsmalerin in Straupitz/Spreewald und Jamlitz/Niederlausitz

Zeichenlehrerin in Wickersdorf

Von Januar 1917 bis Juni 1919 ist Bianca Lippisch als Nachfolgerin von Walter Kühne Zeichenlehrerin an der Freien Schulgemeinde Wickersdorf/Thüringen. Sie inszeniert u.a. Schultheaterstücke nach Puppenspielen von Graf Pocci. Im Zusammenhang mit der Rückkehr von Gustav Wyneken als Schulleiter muss sie die Schule verlassen. Es bleiben Kontakte zu ehemaligen Schülern und Kollegen, insbesondere zur Pianistin Käthe Conrad.

Bianca Lippisch und ihre „Kameradschaft“ in Wickersdorf, 1917/19, hintere Reihe 2. v. l. Leni Oeltjen,
2. v. r. Gerhard Meyer-Dörken
Foto: Privatarchiv

Freie Künstlerin in Jamlitz, Frankfurt am Main, Darmstadt

Den Sommer 1919 verbringt Bianca Lippisch in Jamlitz, wo außer Eltern, Brüdern und Schwägerin Dorothea Lippisch-Ansorge auch Johanna Brinkhaus und Johanna Feuereisen in der kleinen Künstlerkolonie leben. Anknüpfend an Wickersdorfer Kontakte geht sie im Herbst für Porträtaufträge nach Frankfurt am Main und Darmstadt zu den Familien von Justizrat Adolf Fuld (1869–1939) und Rechtsanwalt Eduard Staedel (1870–1926). Sie besucht moderne Tanzaufführungen von Niddy Impekoven. Ab Frühjahr 1920 wieder in Jamlitz, verlobt sie sich mit Cousin Alfred Commichau (1894–1944), der in Hollbrunn eine landwirtschaftliche Ausbildung absolviert.

Spreewaldmalerin in Straupitz

Nach der Heirat 1921 geht sie mit ihrem Mann nach Straupitz, der dort Inspektor, später Pächter des Gutes wird. Drei Töchter werden geboren: Christine (1922–2016), Margot (1924–2011), Silvia (geb. 1930). Unterstützt von Ehemann und Schwiegermutter, ist sie intensiv als Porträt-, Landschafts- und Trachtenmalerin tätig. Um eine Verwechslung mit dem Maler Armin Commichau (1889–1961) zu vermeiden, beginnt sie mit dem Doppelnamen Commichau-Lippisch zu signieren.

Sie beteiligt sich ab 1928 an Heimatkunstausstellungen in Cottbus und Lübben und ist 1931 Mitgründerin der Künstlergruppe Siebener. Im Rahmen der regionalen Kunstförderung erwirbt die Stadtverwaltung Lübben u.a. ihre Spreewälderin am Spinnrad zur Ausschmückung der Jugendherberge. Mit Käthe Conrad inszeniert sie in Straupitz Tänze, Theateraufführungen und „Spinnstuben“ im Rahmen des örtlichen Frauenvereins, später der „NS-Frauenschaft“.

Bianca
Commichau-Lippisch zeichnend im Spreewald, 1931. Neben ihr der Straupitzer
Fährmann Zapke
Foto: Wilhelm Commichau/Privatarchiv

Nach dem Ersten Weltkrieg von ihrem Vater dem „internationalen Lager“ zugeordnet, befürwortet Bianca Commichau-Lippisch 1933 den Nationalsozialismus, nimmt an Ausstellungen des Kurmärkischen Künstlerbundes teil, sendet Bilder zur Großen Deutschen Kunstausstellung nach München und profitiert von weiteren öffentlichen Ankäufen.

Kriegszeit in Cottbus und Jamlitz

Im November 1938 wird sie bei einem Verkehrsunfall schwer verletzt, die Genesung dauert bis Sommer 1939. Ihr Ehemann verliert die Straupitzer Pacht und tritt als Reserveoffizier mit Kriegsbeginn in den aktiven Dienst ein, die Familie geht nach Cottbus. Bianca Commichau-Lippisch pflegt in Jamlitz die Eltern (verstorben 1941 und 1942), organisiert die Cottbuser Gedächtnisausstellung für Franz Lippisch und ordnet seinen Nachlass. 1943 droht die Aussiedlung von Jamlitz, es erfolgt die Errichtung des KZ, damit zusammenhängend Einquartierung von SS-Offizieren. 1944 fällt ihr Ehemann, 1945 gehen neben Franz Lippischs in Cottbus und Lübben ausgelagerten Hauptwerken auch einige ihrer Bilder durch Kriegshandlungen verloren.

Porträt- und Landschaftsmalerin in Jamlitz

Nach Kriegsende ist Bianca Commichau-Lippisch im „Lippischhof“ in Jamlitz als zeitweilige Alleinernährerin der Familie weiter intensiv als Porträt- und Landschaftsmalerin tätig. Sie tritt dem Kulturbund zur demokratischen Erneuerung Deutschlands bei, gibt dem Autodidakten Günter Kloke und an der Jamlitzer Schule Kunstunterricht und beteiligt sich an Ausstellungen in Lübben und Lieberose.

Bianca Commichau-Lippisch beim Malen im Jamlitzer Garten, um 1960
Foto: Privatarchiv

Übersiedlung in den Westen

1964 zieht Bianca Commichau-Lippisch zu ihrer jüngsten Tochter nach Schleswig-Holstein. Sie kann nun u.a. noch einmal nach Italien zu den Stätten ihrer Jugend reisen.

Am 15. Februar 1968 stirbt Bianca Commichau-Lippisch in Barmstedt/Holstein. Begraben ist sie in Jamlitz. Ihr Lebenswerk wird mit Einzelausstellungen 1981 im Schloss Lieberose und 2006 im Museum Schloss Lübben gewürdigt.

  • Die Siebener
  • Ostmärkischer Künstlerbund (ab 1935 Kurmärkischer, ab 1939 Brandenburgischer Künstlerbund)
  • Kulturbund zur demokratischen Erneuerung Deutschlands 
  • Wendisches Museum, Cottbus (Leinwandgemälde Alte Scheune, Radierung Kirchgang in Straupitz
  • Förderverein Lieberose e.V./Stadtgeschichtliche Sammlung Lieberose (mehrere Pastelle und Leinwandgemälde) 
  • Museum Schloss Lübben (10 Leinwandgemälde und Pastelle, davon 5 Dauerleihgaben) 
  • Museum des Landkreises Oberspreewald-Lausitz/Spreewaldmuseum Lübbenau (Leinwandgemälde Kirchgang in Burg)
  • Pinakothek der Moderne, München (Leinwandgemälde Spinnerinnen)

Gruppenausstellungen

  • Berlin: November 1936 Rathaus Charlottenburg („Kurmärkischer Künstlerbund“)
  • Cottbus: 1928 Viehmarkthalle („Unsere Heimat im Bild“), Oktober 1931 Kunstverein im früheren Offizierskasino Kaiser-Friedrich-Straße (Ausstellung der „Siebener“); Dezember 1935 Kunsthalle im Logenhaus („1. Ausst. des Kurmärkischen Künstlerbundes“, veranstaltet vom Kunstverein Cottbus in der „NS-Kulturgemeinde“), 1938 („Hilfswerk für die deutsche bildende Kunst“), 1940 Neues Museum
  • Eberswalde: 1938 („Kurmärkischer Künstlerbund“)
  • Frankfurt (Oder): Februar 1935 Stadttheater („Siebener“ auf Anregung und Einladung des Ostmärkischen Künstlerbundes)
  • Lieberose: 1952 Schloss (650-Jahrfeier), 2018 Darre (Förderverein Lieberose e.V.)
  • Lübben, Schlossturm: 1931, 1932, 1933 ( „Siebener“ im Rahmen der Heimatkunstausstellung des Kreises Lübben, vermutlich auch 1934–1938); 1950 (800-Jahrfeier); 2002 Museum Schloss Lübben („Spreewaldromantik – Künstler sehen eine Landschaft“)
  • Lübbenau: 2015 Spreewald-Museum Lübbenau („Das Goldene Zeitalter – Mythos und Landschaft der Spreewaldmaler“)
  • München: 1944 Große Deutsche Kunstausstellung
  • Potsdam: 1936 Zivilcasino („Ausst. des Kurmärkischen Künstlerbundes NS-Kulturgemeinde im Rahmen der Kulturtagung Potsdam“)

Einzelausstellungen

  • Lieberose: 1981 Schloss Lieberose
  • Lübben: 2006 Museum Schloss Lübben

Ungedruckte Quellen

  • BLHA Rep. 55, Prov. XI, 260, 263, 264, 268
  • Kupke, Jamlitzer Künstler, S. 62–74
  • Nachlass Bianca Commichau-Lippisch (Privatarchive)
  • Schülerliste Wickersdorf (Prof. Dr. Peter Dudek)

Gedruckte Quellen

  • Deutsches Geschlechterbuch, Bd. 215, S. 81f. und 119f.
  • Alexander Lippisch, Erinnerungen

Literatur

  • Haß 2005
  • Kohlschmidt-Beder 2002, S. 3, 22, 28, 38, 58f.
  • Krüger 2006
  • Jacob 2004
  • Jochens 2017
  • Wahl 2007