Bianca Commichau-Lippisch

1890–1968


WERKSCHAU

Porträt, Landschaft, „Typen-“ und Genrebild stehen im Mittelpunkt von Bianca Commichau-Lippischs Werk. Ihre bevorzugten Techniken sind die Ölmalerei und – als eine Besonderheit – die Pastellzeichnung. In den 1930er Jahren experimentiert sie auch mit Eitempera auf Holz. Das Verzeichnis der erhaltenen Werke umfasst 430 Einträge. Hinzu kommen ca. 150 nur schriftlich oder als Reproduktion überlieferte Werke. Vermutlich befinden sich weitere in Privatbesitz. Diese Zahl ist ebenso schwer abzuschätzen wie mögliche Kriegsverluste.

Künstlerisch bewegt sich Bianca Commichau-Lippisch, orientiert am Vorbild des Vaters, überwiegend in konventionellen Bahnen. Im Studium in Weimar lernt sie aber auch modernere Positionen kennen, u.a. die Prinzipien der abstrakten Ornamentik von Henry van de Velde (1863–1957). Er will mit abstrakter Ornamentik und der „Kraft der Linie“ Kunst und Gesellschaft erneuern. Ob Bianca Lippisch mit ihren Ornamententwürfen auch diesem hohen Anspruch gerecht werden möchte? Zumindest erweitert sie ihr gestalterisches Repertoire. Neben einer akademischen verfügt sie auch über eine impressionistisch-lockere Malweise.

links: Bianca Lippisch vor ihrer mit einem Preis ausgezeichneten Bildhauerarbeit in der Klasse von Richard Engelmann, Hochschule für bildende Kunst in Weimar, 1915.

rechts oben:
Ornamentik, undatiert, schwarze Tusche auf Papier,
44 x 47 cm (Privatbesitz).
Das Jugendstil-Ornament hat
Bianca Lippisch wahrscheinlich als Studentin der Kunstgewerbeschule Weimar entworfen.

rechts unten:
Stundenplan des ersten Semesters von Bianca Lippisch an der Kunstgewerbeschule Weimar, abgezeichnet von Direktor Henry van de Velde (Privatarchiv). Den Unterricht in der Ornamentik für die ersten Jahrgänge leitete die spätere Bauhaus-Dozentin Dora Wibiral
„auf Grundlage der von dem Direktor aufgestellten Prinzipien“ (Jahresbericht der Kunstgewerbeschule 1913/14, zit. nach Wahl 2007, S. 271).

Anders als Franz Lippisch mit seinen symbolistischen Bildern hält sie sich thematisch stets an die lebensweltliche Realität, stellt sie allerdings stets als harmonisch dar. Ihre Themenwahl entspricht auch traditionellen Geschlechterrollen. Künstlerinnen blieben Genres, die mehr „Erfindung“ verlangen, wie die Historienmalerei, lange verwehrt. Ihnen wurden „weibliche“ Bereiche wie Damen- und Kinderporträt, Tier- und Blumenmalerei zugewiesen. Schon die Ausweitung auf die Landschaftsmalerei bedeutete wegen des damit verbundenen Reisens eine gewisse Emanzipation.

Frühe Studien

Auf den Reisen mit der Malschule ihres Vaters malt und zeichnet auch Bianca Commichau-Lippisch nach der Natur: Landschaften, Tier- und Pflanzenstudien, Architekturmotive wie Torbogen in Gufidaun. Um während des anschließenden Bildhauerei- und Kunstgewerbestudiums in Weimar etwas dazuzuverdienen, erteilt sie privaten Kunstunterricht für Mädchen. Sie lässt sie Stillleben anfertigen. Auch sie selbst übt sich darin, denn das Genre schult das Verfügen über die bildnerischen Mittel (Form und Farbe, Linie und Fläche) nach rein ästhetischen Kriterien.

Straupitz: Landschaft und Porträt

In Straupitz widmet sich Bianca Commichau-Lippisch der Schilderung von Landschaft und bäuerlichem Leben im Spreewald. Zu Fuß oder mit dem Kahn ist sie zu jeder Jahreszeit mit Staffelei, Zeichenbrett und Malutensilien unterwegs. Sie zeichnet im Frühling den Birkenwald mit Buschwindröschen und im Herbst Überschwemmte Wiesen.

Bilder wie Eichen in der Byttna sind aus heutiger Sicht auch naturhistorische Dokumente. Während ihre Landschaften aus den 1920er und frühen 1930er Jahren einen frisch-zupackenden, eher lockeren Stil aufweisen, neigt sie ab Anfang/Mitte der 1930er Jahre zu einer festeren, stärker ins Detail gehenden Malweise.

Zudem arbeitet sie wie seit ihrer Ausbildungs- und Studienzeit als Porträtistin mit Schwerpunkt Kinderbildnis. Vor allem Bildnisse, die ohne Auftrag entstehen und daher mehr Gestaltungsfreiheit bieten, wie Turandot, Bildnis einer Mongolin oder Die Tochter der Künstlerin, veranschaulichen die Bandbreite ihrer Porträtkunst.

Wendische Tracht

Bianca Commichau-Lippischs in Straupitz entstehende Darstellungen der wendischen Tracht wie z.B. Kirchgang in Burg finden in der Region bis heute ein breites Echo. Dass sie manche Kompositionen mehrfach oder in verschiedenen Techniken ausgeführt hat, zeigt die Beliebtheit ihrer „prachtvollen Spreewälder Typen“ (Cottbuser Anzeiger vom 4. April 1931).

Ab 1933 werden ihre Trachtenbilder ebenso wie die Tanz- und Theaterinszenierungen Teil einer Identitätspolitik, die kulturelle Traditionen der Wenden als Symbole bodenständiger Lebensweise vereinnahmt, die Volksgruppe selbst aber diskriminiert, etwa durch Verbot des öffentlichen Gebrauchs ihrer Muttersprache und „Eindeutschung“ von Ortsnamen wie z.B. Byhleguhre in „Geroburg“.

Dennoch kann man wohl gelten lassen, was der Cottbuser Anzeiger am 5. Mai 1928 über Bilder wie Die alte Spinnerin, Kirchgang in Straupitz und Die junge Spreewälderin schreibt: „Sie bestechen gleichermaßen durch sachlich moderne Auffassung wie Exaktheit der Ausführung und die Leuchtkraft der Farben.“ Neben der künstlerischen Qualität überzeugt das genuine Interesse der Malerin an den von ihr porträtierten Menschen und ihrem Tun.

Jamlitz: Landschaft und Porträt

Schon bevor sie ihren Lebensmittelpunkt Anfang der 1940er Jahre nach Jamlitz verlegt, gibt Bianca Commichau-Lippisch Jamlitzer Motive wie das Haus mit Kastanie gegenüber dem Lippisch-Hof wieder. Bis in die 1960er Jahre entstehen zahllose Ansichten des Dorfes und seiner Umgebung, wie Wiesenlandschaft, Schäferteich, Raduschsee, Schneidemühlenteiche und Jamlitzer Fließ.

Neben vielen Porträtaufträgen in der Region skizziert Bianca Commichau-Lippisch die Menschen in ihrem direkten Umfeld, seien es die Enkel, eine Kartoffelhackerin oder ihr Künstlerkollege und Freund Dr. Walter Kühne.

Nicht alle ihre Bilder sind nun frei von Routine, nicht zuletzt, weil sie mehr denn je auf den Verkauf ihrer Werke angewiesen ist. Doch gelingt es Bianca Commichau-Lippisch immer wieder, von ihr gewählte Motive individuell und authentisch zu erfassen und zu gestalten. Darin spiegelt sich neben professioneller Kompetenz eine große Zugewandtheit, von der Zeitzeugen auch aus der persönlichen Begegnung berichten.

Die Pianistin Käthe Conrad ist 1893 geboren. Von den Geschwistern sind der Bruder Jakob (geb. 1905) und die Schwester Luise (geb. 1900) Schüler in Wickersdorf. Käthe Conrad ist dort Musikerzieherin und befreundet sich mit der im Januar 1917 als Zeichenlehrerin antretenden Bianca Lippisch. Es wird eine Freundschaft fürs Leben.

Nach ihrem Ausscheiden aus Wickersdorf im Frühjahr 1919 gründet Käthe Conrad mit ihren Kollegen Bernhard Uffrecht und Lisbeth Wyneken die Freie Schul- und Werkgemeinschaft, die nach mehreren Standortwechseln im Jagdschloss Letzlingen in Sachsen-Anhalt ihren Sitz findet. Vermutlich verlässt sie die Schule nach Uffrechts Heirat mit Ini Schiff im Jahr 1920 und kommt vorübergehend nach Jamlitz, wo sie laut den Erinnerungen von Alexander Lippisch (S. 36) Teil des Künstlerkreises ist, der sich regelmäßig bei Johanna Brinkhaus trifft.

Um 1921–23 ist sie in der Frauen-Siedlungsgemeinschaft Loheland bei Fulda tätig, wo auch Bianca Lippischs Cousine Marie Therese Commichau (1895–1949) als Gymnastiklehrerin wirkt. Spätestens 1926 arbeitet sie wieder in der Freien Schul- und Werkgemeinschaft Letzlingen. Bei einem Besuch von Bianca Commichau-Lippisch entsteht dort vermutlich 1929 deren Porträt einer Mongolin.

Wohl um 1930 lässt Käthe Conrad sich als private Klavier- und Musiklehrerin in Straupitz nieder. Mit Bianca Commichau-Lippisch gestaltet sie Tanz-, Musik- und Theateraufführungen. „Tante Käthe“ isst regelmäßig bei den Commichaus zu Abend und trägt dann Schubert-Lieder wie Auf dem Wasser zu singen vor, das in der Familie als „Jamlitz-Lied“ gilt:

Lied auf dem Wasser zu singen

Mitten im Schimmer der spiegelnden Wellen
Gleitet, wie Schwäne, der wankende Kahn;
Ach, auf der Freude sanft schimmernden Wellen
Gleitet die Seele dahin wie der Kahn;
Denn von dem Himmel herab auf die Wellen
Tanzet das Abendrot rund um den Kahn.

Über den Wipfeln des westlichen Haines
Winket uns freundlich der rötliche Schein;
Unter den Zweigen des östlichen Haines
Säuselt der Kalmus im rötlichen Schein;
Freude des Himmels und Ruhe des Haines
Atmet die See’ im errötenden Schein.

Ach, es entschwindet mit tauigem Flügel
Mir auf den wiegenden Wellen die Zeit.
Morgen entschwindet mit schimmerndem Flügel
Wieder wie gestern und heute die Zeit,
Bis ich auf höherem strahlenden Flügel
Selber entschwinde der wechselnden Zeit.

(Gedicht von Friedrich Leopold Graf zu Stolberg, 1782; Vertonung von Franz Schubert, 1823)

Als Rentnerin geht Käthe Conrad Mitte der 1950er Jahre nach einer halbjährigen Zwischenstation in Jamlitz in den Westen nach Neustadt a. d. Weinstraße. Nach Bernhard Uffrechts Tod 1959 in Hannover hilft sie bei der Ordnung seines Nachlasses. Sie verstirbt nach 1968.

Privatarchiv

Bianca Lippisch und Käthe Conrad (rechts)in Wickersdorf, um 1917/19

Privatarchiv, Foto Jacob Conrad

Trachten-Tanzgruppe beim Erntefest in Straupitz, 1934

Mitte: Bianca Commichau-Lippisch und Käthe Conrad

Privatbesitz

Bianca Commichau-Lippisch

Käthe Conrad am Flügel in Jamlitz, 1955

Pastell, 23 x 30 cm

Ausst.: Lübben 2006.

Im Oktober 1941 befiehlt Bianca Commichau-Lippischs Ehemann Alfred Commichau als Bataillonskommandeur in Weißrussland im Rahmen von „Partisanenbekämpfung“ die Erschießung jüdischer Zivilisten. Ob seine Frau davon erfahren hat, ist unbekannt. 1944 ist er in Weißrussland gefallen.

1956 werden zwei seiner Untergebenen vor dem Landgericht Darmstadt wegen Beihilfe zum Totschlag zu Haftstrafen verurteilt. Ein weiterer hat 1941 die Ausführung des Erschießungsbefehls – für ihn folgenlos – verweigert. Deshalb wird der Fall als Beispiel für Handlungsspielräume zitiert, die es trotz „Befehlsnotstand“ im Zusammenhang der Beteiligung an Wehrmachtsverbrechen gegeben habe (siehe Literatur). Da Waitman Wade Beorn (2014) vermutet, Alfred Commichaus biografischer Hintergrund habe eine Rolle für seine Haltung zum Judenmord gespielt, soll hier darauf eingegangen werden. Eine „Erklärung“ seiner Tat ist damit nicht intendiert.

1894 als Sohn einer deutschen Fabrikantenfamilie in Bialystok geboren und in deutsch-russischem Milieu in Bialystok und Jena aufgewachsen, nimmt Alfred Commichau 1914–18 am Ersten Weltkrieg teil (Reiter-Regiment 6, letzter Rang Leutnant der Reserve) und wird nach landwirtschaftlicher Ausbildung Inspektor, später Pächter in Straupitz. Der Kauf eines eigenen Gutes scheitert nach Verlust seines Vermögens in der Inflation. Ab 1935 bemüht er sich um Wiederaufnahme der militärischen Karriere. Nach wirtschaftlichen Schwierigkeiten und Verlust der Gutspacht 1938 (angeblich wegen Schiebereien von Mitarbeitern) bietet diese auch eine berufliche Perspektive. Bei Kriegsbeginn ist er Oberleutnant der Reserve, steigt bis 1943 zum Oberstleutnant auf.

Alfred Commichaus Briefe vom Herbst 1941 vermitteln das Bild eines liebenden Ehemannes und Familienvaters. Seine Sicht auf die sowjetische Bevölkerung dagegen entspricht der nationalsozialistischen „Untermenschen“-Propaganda; es finden sich allerdings keine antisemitischen Äußerungen. In der Elterngeneration gab es Ressentiments und gesellschaftliche Abgrenzung gegen Juden, ob er sie teilte, ist unbekannt. Überliefert sind als Motivation für die Militärkarriere die Prägung durch den Ersten Weltkrieg und die deutsche Niederlage sowie die eigene berufliche Krise.

Literatur:

Ausstellung Verbrechen der Wehrmacht; „Ordinary Soldiers. A Study in Ethics, Law, and Leadership“ des United States Holocaust Memorial Museum and Center for Holocaust Studies at West Point 2014 (PDF); Waitman Wade Beorn: „Marching into darkness: the Wehrmacht and the Holocaust in Belarus“, Cambridge, Mass., 2014, S. 119–134.

Quellen:

BArch Militärarchiv Pers 6/11125; BLHA Rep. 55, Prov. XI, 263, ohne Blattzählung (Vorschlag für Unterstützung Bianca Commichau-Lippischs durch Weihnachtsspende des Kurmärkischen Künstlerdanks vom 13. Dezember 1938: „… ist mit einem Gutsverwalter verheiratet, dem es nach zuverlässigen Nachrichten sehr schlecht geht. Er soll wirtschaftlich jetzt vollkommen darniederliegen“); Deutsches Geschlechterbuch Bd. 215, S. 119f.; Privatarchiv; Gespräche mit Nachfahren.

In noch nicht vollständig ausgewerteten Geburtstags-, Notiz- und Adressbüchern von Bianca Commichau-Lippisch finden sich u.a. folgende Wickersdorfer Namen:
Schüler: Ralf Brandstetter, Dr. Toni Cordes, Fritz Fuld, Heinz Herrmann, Kurt Herrmann, Horst Horster, Wolfgang Kühne, Berthold Lehmann, Elsie, Ernst und Ludwig Leitz, Werner Marten, Gerd Meyer-Dörken, Leni Oeltjen, Ernö Schreiber, Oskar Simon, Hertha und Else Staedel, Carla Stöckicht, Ilse Trautschold, Günter Vogdt.

Kollegen: Rudolf Aeschlimann, Cora Auerbach (Dr. Cornelia Schröder-Auerbach), Käthe Conrad, Dr. Hedda Korsch, Wilhelm Lehmann, Martin Luserke und „Frau Lu“, Bernhard Uffrecht und Frau „Ini“.

Porträtieren bedeutet, die Eigenart des Gegenübers gleichzeitig zu erfassen und künstlerisch umzusetzen. Vor allem das Kinderporträt stellt hohe Anforderungen an Auffassungs- und Arbeitstempo, zugleich muss eine vertrauensvolle Atmosphäre geschaffen werden. Bianca Commichau-Lippisch erzählt z.B. den Kindern beim Porträtieren zur Unterhaltung Märchen.

Auch Erwartungen der Auftraggeber wollen erfüllt sein. Sie wünschen sich Porträts ähnlich, aber auch gefällig. „Passt auf, ich werde noch die reinste Kitschfabrik werden. Egal, wenn nur Moneten dabei herauskommen“, scherzt die junge Malerin einmal.

In ihrem Leben hat Bianca Commichau-Lippisch vermutlich weit über 100 Porträts angefertigt, oft nach Fotografien, manchmal nur nach Passfotos und manchmal sogar postum. In ihrem Nachlass findet sich ein Blatt mit einem Zitat aus Goethes „Wahlverwandtschaften“ über die Problematik des Porträtierens, mit dem sie sich offenbar identifizierte:

„Man ist niemals mit einem Porträt zufrieden von Personen, die man kennt. Deswegen habe ich die Porträtmaler immer bedauert. Man verlangt so selten von den Leuten das Unmögliche und gerade von diesen fordert man’s. Sie sollen einem jeden sein Verhältnis zu den Personen, seine Neigung und Abneigung mit in ihr Bild aufnehmen; sie sollen nicht bloß darstellen, wie sie einen Menschen fassen, sondern wie jeder ihn fassen würde. Es nimmt mich nicht wunder, wenn solche Künstler nach und nach verstockt, gleichgültig und eigensinnig werden. Daraus möchte denn entstehen, was wollte, wenn man nur nicht gerade darüber die Abbildungen so mancher lieben und teuren Menschen entbehren müßte.“

(aus: Johann Wolfgang von Goethe, Die Wahlverwandtschaften)

Privatarchiv, Foto: Kaspar Seiffert

Bianca Commichau-Lippisch bei der Arbeit an einem Porträt im Atelier in Jamlitz, um 1950