Künstler in Jamlitz

Künstler bei der Arbeit 

Wie und wo haben die Künstlerinnen und Künstler früher in Jamlitz gearbeitet? Wie wurden sie im Dorf wahrgenommen? Fotos, wie man sie von anderen Künstlerkolonien kennt – Malerinnen und Maler vor der Staffelei auf der Wiese, umringt von neugierigen Dorfkindern –, sind aus Jamlitz nicht überliefert (falls doch, bitte Nachricht an info@kuenstler-jamlitz.de). Franz Lippischs Briefe berichten dafür anschaulich vom Künstlerleben in Jamlitz. Aus ihnen wird hier ausführlich zitiert. 

Wie die anderen Jamlitzer Malerinnen und Maler arbeitete Franz Lippisch viel im Freien. Ende der 1930er Jahre fotografierte der Lieberoser Pastor Walter Kowalewsky ihn beim „Malausflug“. Das Foto ist wohl gestellt, zeigt aber die typische Ausrüstung mit tragbarer Leinwand und Staffelei.

Bianca Lippisch: Schülerinnen der Malschule Lippisch zeichnend in Jamlitz, 1909, Bleistiftskizze, Maße unbekannt (Privatbesitz)

Franz Lippisch
beim „Malausflug“
in
Jamlitz, Foto des Lieberoser Pastors Walter Kowalewsky
,
1930er Jahre (Privatarchiv)

Anders als in manchen zeitgenössischen Künstlerkolonien ist die Tätigkeit der in Jamlitz arbeitenden Künstlerinnen und Künstler in ihren Werken nur selten ein Thema. Es sind bisher keine Gemälde bekannt, die sie bei ihrer Arbeit im Freien in Jamlitz zeigen. Nur von der jungen Bianca Lippisch sind Bleistiftskizzen von 1909 überliefert, die ihre Mitschülerinnen und Mitschüler aus der Malschule ihres Vaters zeichnend in Jamlitz zeigen. 

Die frühen Jamlitz-Bilder der einst hier wirkenden Künstler präsentieren überwiegend menschenleere Landschaften, in denen sogar die bäuerliche Arbeit kaum vorkommt. Erst in den DDR-Jahren beginnen sich die Jamlitzer Malerinnen und Maler künstlerisch mehr für den Alltag der Dorfbevölkerung zu interessieren.

Das Wetter und das Geld

Franz Lippisch sah in der Freiluftmalerei neben künstlerischem Gewinn („die Natur ist doch das Interessanteste“, Brief vom 14. Januar 1916) auch einen ökonomischen Vorteil: „… habe in 7 Frühlingstagen 8 Bilder gemalt, welche ich folgedessen billig losschlagen kann … auf diese Art verdient man mehr und leichter als bei den lang-ausgearbeiteten Atelierbildern. Ich male so eine Sache in Jamlitz in einer Sitzung (4 Stunden) und es macht einem obendrein noch Mordsspass“ (Brief vom 17. Mai 1912) 

Manche Motive liefen besonders gut, wie das Jamlitzer Birkenwäldchen. Nach dem Hauskauf konnte Franz Lippisch es vom eigenen Garten aus malen„Dieses Motiv ist wirklich wie eine milchende Kuh und ich kann es nun … noch öfter auf die Leinwand bringen. 5 Mal habe ich es also schon mit ‚klingendem‘ Erfolg geleistet“ (Brief vom 26. Juni 1915).  

Die Kehrseite der Freiluftmalerei ist die Abhängigkeit vom Wetter, ein Dauerthema: „Heute regnet es tüchtig und die Maler machen traurige Gesichter“, berichtet Franz Lippisch am 28. Juni 1909. „Viel zu kalt, um die richtige Malstimmung zu haben, sehr stürmisch und regnerisch“, heißt es schon am 1. Oktober 1902, aber immerhin: „Die Damen haben die letzten sonnigen Tage gut ausgenutzt.“  

Malschule Lippisch in Charlottenburg, Mitte: Franz Lippisch, Foto um 1906 (Privatarchiv)

„Die Damen“ waren die Schülerinnen seiner privaten Malschule. Er hatte vor allem Frauen als Schüler, weil ihnen der Zugang zu den meisten öffentlichen Kunstakademien bis nach 1918 verwehrt war. Während sie sich in Jamlitz einquartierten, korrigierte Franz Lippisch gegen monatliches Honorar zweimal pro Woche ihre Malversuche. So finanzierte er seine eigenen Aufenthalte.  

Das Thema der Ablenkung von der eigenen künstlerischen Arbeit („viel Abhaltungen gehabt mit Correktur“, Brief vom 28. Juni 1909) nimmt neben dem Geld („macht mir eine Menge Sorgen“ebd.in seinen Briefen ähnlich viel Raum ein wie das Wetter.

Erholung und Geselligkeit 

In Jamlitz genoss Franz Lippisch den Gegensatz zur hektischen Großstadt: „Hier auf dem Lande lebt man ein geruhsames Dasein, man malt, isst, trinkt und schläft“ (Brief vom 17. August 1906). Von ihm ist überliefert, dass er in Jamlitz zum Baden ging, ebenso wie die Familie Kühne. Man pflegte die „Freikörperkultur“ (FKK) und sprang ohne Badebekleidung in den Schwansee.

„Abends wurde Skat gespielt. Frl. Werkmeister, Frau + Frl. Göschen u. Herr Krüger – und letzterer von den Damen sehr hoch genommen. Die Stimmung war recht gemüthlich“, berichtet Franz Lippisch am 28. Juni 1909 über eine gesellige Runde im „Kühlen Grund“. Auch die größere Ungezwungenheit des gesellschaftlichen Lebens auf dem Land wurde als angenehm empfunden: „Man ist ja voreinander genug frei und kann hausen, wie’s einem passt“, heißt es im selben Brief. 

Bianca Lippisch: Vater, Grunwald, Fechner gezeichnet im
„Kühlen Grund“
in
Jamlitz 1909, Bleistiftskizze,
Maße unbekannt (Privatbesitz)
 

Für den Zusammenhalt unter den Künstlern spielte die Geselligkeit eine wichtige Rolle, auch in den Privathäusern. Franz Lippischs Briefe um 1918 erzählen vom Kommen und Gehen alter und junger Freunde von nah und fern, sein Sohn Alexander beschreibt in seinen Erinnerungen die Treffen bei Johanna Brinkhaus. Bei Kühnes und Schröders wurde in den 1920er Jahren Boccia gespielt und mückenumschwirrt ums Lagerfeuer getanzt. 

Modelle und Ateliers 

Trotz der Vorteile der Freiluftmalerei arbeiteten Franz Lippisch und Walter Kühne in Jamlitz auch an Figurenbildern im Atelier. Anders als die schnell gemalten „verkäuflichen“ Landschaften waren sie als anspruchsvolles Aushängeschild für die Berliner Herbstausstellungen gedacht. Offenbar konnten im Dorf Ateliers gemietet werden. Am 5./9. August 1915 schreibt Franz Lippisch zum Beispiel, er habe „das eine Waldatelier“ gemietet. Wo es lag, ist unbekannt. 

„Um Figuren hier malen zu können“ (darunter verstand er antik kostümierte Gestalten), teilte sich Franz Lippisch laut Brief vom 16. Juli 1909 mit Walter Kühne die Kosten für ein Modell. Frl. Müller aus Berlin wurde in Jamlitz bei Familie Günther in der Glashütte einquartiert. An anderen Orten wäre so etwas nach Lippischs Erfahrung nicht möglich gewesen, z.B. in der Südtiroler Künstlerkolonie Klausen („Es ist hier nicht wie in Jamlitz … ein Modell von Ausserhalb würde in die Acht erklärt werden und sehr schwer Wohnung finden“, Brief vom 5. September 1911). Auch seine Tochter Bianca, Johanna Feuereisen-Oeltjen und Tochter Leni sowie Renata Kühne und Tochter Maria standen ihm Modell.

Hüttenbrücke mit den Häusern von Günther (vorn) und Zadraschil (heute Beck). Bei Günther wurde 1909 Frl. Müller aus Berlin einquartiert, die den Malern Franz Lippisch und Walter Kühne für deren Figurenbilder Modell stand. (Stadtgeschichtliche Sammlung Lieberose, Forschungsarbeit von Monika Weisenberg und Marlies Friedrich, Geschichte der Glasfabrikation in Jamlitz, Jamlitz Februar 1974, Seite 21, Foto: Gertrud Hinz)

Im Sommer 1909 hat Franz Lippisch ein weiteres Problem: Ihm steht Walter Kühnes Gartenatelier zur Verfügung, doch das ist nicht heizbar. Nun ist es bei dem vielen nasskalten Wetter recht kühl und man kann nicht darin Modell in antiken Gewändern stehn lassen“ (Brief vom 16. Juli). So muss er Frl. Müller dem Kollegen überlassen, der in seinem Haupthaus heizen kann.  

Am liebsten hätte Franz Lippisch allerdings weibliche Akte in der freien Natur gemalt, so wie zur selben Zeit die künstlerisch vollkommen gegensätzlich orientierten expressionistischen „Brücke“-Maler. Aber das wäre um 1909 selbst bei gutem Wetter in Jamlitz wohl kaum möglich gewesen. 

Beziehungen im Dorf 

Die Künstler sorgten als Gäste für Mieteinnahmen, zogen weitere Besucher nach Jamlitz und schufen ein gewisses Berliner Flair. Auf privater Ebene gab es z.B. zwischen den Kindern der Familie Lippisch und des Mühlenbesitzers Albin Ferienfreundschaften, die über Jahrzehnte in Erinnerung blieben.

Im Garten des Mühlenbesitzers Albin, Jamlitz.
Reihe hinten: Gertrud Albin, Margarete Lohan, Helene Albin;
Mitte: Hans Franz (?), Else Albin,
Alexander Lippisch;
vorn:
Meta Albin, unbekanntes Mädchen, Lenchen Franz, Foto um 1911 (Privatarchiv)

Mit der Ansiedlung in Jamlitz vertieften sich die Beziehungen zum DorfIn guten Zeiten wurden Dienstmädchen und Handwerker beschäftigt. Man kaufte beim Bäcker und Kolonialwarenhändler. Walter Kühnes Kinder erhielten Privatunterricht bei Lehrer Alfred Hinz (Ehemann von Schneiderin Gertrud Albin), andere besuchten die Dorfschule, wie zeitweise die Kinder von Johanna Feuereisen-Oeltjen und Johanna Meyer-Ottens geb. Brinkhaus, später von Erich Seiffert und Rudolf Grunemann.  

Man pflegte Kontakt zu Nachbarn und örtlichen Honoratioren. Nicht zuletzt lebten die Künstlerinnen und Künstler von Porträtaufträgen und dem Verkauf von Landschaftsbildern in der Region. Bisweilen hatten sie öffentliche Aufträge. In schlechten Zeiten war der Verkauf wohl auch mal ein Tausch gegen Lebensmittel und Dienstleistungen. Selbstversorgung aus dem Garten spielte eine wichtige Rolle. 

Wie weit die Integration der Künstlerfamilien in die örtliche Gesellschaft reichte, ist schwer pauschal zu beurteilen. Vereinzelt lassen Quellen auf Distanziertheit von beiden Seiten schließen (z.B. die Erinnerungen von Walter Georg Kühne 1990 und Adelheid Grunemann 2014), aber im Allgemeinen scheint das Verhältnis von gegenseitiger Akzeptanz geprägt gewesen zu sein.